Aus der Ottenser Schulgeschichte

(Entnommen aus "Chronik des Dorfes Ottensen", Autor: Fritz Ehlers Lehrer von 1912 bis 1952)

Über das alte und ältere Schulwesen unserer Gemeinde gibt es wenige übermittelte Nachrichten. Die Schulchronik wird erst seit 1885 geführt. Die in ihr angegebenen spärlichen Rückblicke liefern wenig Material. Eingangs bemerkt der erste Chronikschreiber, Lehrer H. Gerken, daß sein Vater Joachim Diedrich Gerken aus Wiegersen von Michaelis 1827 bis Michaelis 1873 Leiter unserer Schule war. Von seinen Vorgängern werden nur die Namen angeführt: Bellmann und Bode. Aus dem Apenser Kirchenbuch erfahren wir genauere Daten:

  • 1773 - 1804 Schulmeister Meyer
  • 1804 - 1817 Schulmeister Bode
  • 1817 - 1827 Schulmeister Bellmann

Die älteste Mitteilung besagt, daß 1743 Schulmeister Meyers Kind in Ottensen gestorben sei. Das war 30 Jahre nach dem Erwerb unserer Heimat Bremen-Verden durch Kurhannover, dessen Kurfürst seit 1714 zugleich König von England war. Also als Preußens König Friedrich II., der Große, seinen Staat zum ersten Deutschen Reiche aufbaute, hatte unser Ottensen schon eine Schule. Doch wenn auch die Bremen-Verdische Schulordnung von 1752 und 1770 festsetzte, daß die Schulpflicht vom 6. bis 14. Lebensjahre dauern und auch im Sommer täglich Schule gehalten werden solte, so fiel der Sommerunterricht auch bei uns wie fast überall auf dem Lande aus. Rechnen und Schreiben zählten damals - 1750 - noch nicht zu den vorgeschriebenen Schulfächern; Religion und Lesen der Bibel und des Gesangbuches umfaßten den gesamten Unterricht. Wer "schreben Schrift" lesen konnte, galt schon fast als kleiner Gelehrter. Ein Schulhaus besaß Ottensen Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts noch nicht. Der Schulmeister unterrichtete abwechselnd auf den verschiedenen Höfen. Das war die Reiheschule. Ein Schultag um 1850 verlief, grob gezeichnet, ungefähr so: Es war kurz vor der ersten Unterrichtsstunde (6 Uhr im Sommer, 8 Uhr im Winter). Die Schulstube, ein Zimmer im Bauernhause, daß auch während der Schulzeit von einzelnen Familienmitgliedern benutzt wurde, war übervoll; sie war für die 40 Kinder eigentlich zu klein. Um Platz zu sparen, saßen nur die älteren Schüler, die "all int Schriewbook würn", vor schmalen Tischen; die anderen hatten nur Bänke zur Verfügung; wenn sie schreiben sollten, mußten sie die Schiefertafel auf die Knie legen, sich darüber beugen und versuchen, ihre Aufgaben zu erfüllen. Lehrer Gehrken schrieb an die kleine Wandtafel, die schon ganz grau war, weil sie alle Farbe verloren hatte, ein großes A. Davon hatten jetzt die Kleinen eine Tafel voll zu üben. Während dieser Zeit "verhörte" der Schulmeister die älteren Schüler, d.h. es begann das Aufsagen des Kathechismus, den die Kinder mit seinen Fragen und Antworten sich einzuprägen hatten. Des Schulmeisters Arbeit bestand hauptsächlich in diesem "Verhören" und dem Prügeln. Erklärt wurde nichts, nicht einmal die Bedeutung unbekannter Wörter wurde gegeben.

Die Besoldungsverhältnisse der an unserer Reihenschule angestellten Lehrer waren für unsere heutigen Begriffe sehr kümmerlich. Die Baren einnahmen beliefen sich lediglich auf dem niedrig bemessenen Schulgeld und beleifen sich auf 10 - 25 Taler/Jahr vor 1800; dann nach dem Freiheitskriege 1813/15 werden uns Summen von 40, 80, 120 Talern genannt. Bei der allgemeinen Verbesserung der Schulstellen nach 11870 stieg das bare Einkommen des Lehrers auf 660 - 750 Mark/Jahr.
das erste schulhaus
Als dann Ottensen 1885 ein eigenes Schulhaus bekam (heute Nindorfer Str. 16), entfielen auch des Reihenschullehrers sonstigen Einkünfte: von jedem Schulkind jährlich ein Brot und ein Pfund Butter und an den Schultagen im Hause des Bauern morgens, mittags und abends eine volle Mahlzeit, nicht gerechnet die selbstverständliche Schlafgelegenheit. Natürlich suchte der "Scholmeester" seine wirtschaftliche Lage durch Nebenbeschäftigung zu bessern. Hierzu kam ihm sehr von statten, daß er fast immer ein Handwerk gelernt hatte; das mußte dann dazu dienen, die schmalen Einkünfte aufzubessern. Mit dem eigenen Schulhaus und dem seminaristisch vorgebildeten Lehrer H. Gehrken wandelte sich die schulische Lage in unserer Gemeinde zum Besten. Bald nach seinem Amtsantritt traten ihm die Schulvorsteher (heute Elternrat) helfend zur Seite:

  • 1880 Vollhöfner J. Dammann und Halbhöfner Jürgen Lühmann
  • 1881 Halbhöfner J. Kleensang und Anbauer H. Rathjen
  • 1887 Vollhöfner J. Quast und Viertelhöfner J. Elmers
  • 1893 Dreiviertelhöfner Joachim Tobaben und Halbhöfner Friedrich Dittmer
  • 1896 wurde H. Quast für Tobaben gewält
  • 1899 für Dittmer Klaus Augustin
  • 1902 für Quast Adam Heckmann
  • 1903 für Heckmann Claus Dammann
  • 1905 für Tischler Klaus Augustin Dreiviertelhöfner Klaus Augustin
  • 1908 Wilhelm Peper und Christian Holst
Diese waren bei meinem Amtsantritt noch im Vorstand. Zu dem Schulvorstand gehörte auch der Pastor in Apensen, der zugleich das Amt des Ortsschulinspektors bekleidete. Folgende Inspektoren sind uns mit Namen überliefert: Pastor Visbeck, Apensen 1832; Pastor Rakenius, Buxtehude; Pastor Borstelmann, Ahlerstedt; Pastor Rost, Buxtehude 1884; Pastor Peters, Ahlerstedt und Apensen 1887 - 1889; Pastor Boecker, Apensen 1890 - 1907; Pastor Lüpsen, Apensen 1908 - 1933. Er war der letzte geistliche im Amte des Schulinspektors. Dieser Wandel in der Schulaufsicht trat in den ersten Jahren meiner hiesigen Amtstätigkeit ein, und noch oft hörte ich aus dem Munde der alten Kollegen: Ja, ja, unter dem Krummstab war gut leben! Ganz gewiß war es ein ruhigeres, einfacheres, anspruchsloseres Leben, das Leben im Schulhause. Anspruchslos war das Schulhaus, war der Lehrer, waren die Schulkinder. Zum Beispiel Mäntel oder Überzieher zur Winterzeit kannte niemand. Die Fußbekleidung war jahrein-jahraus die gleiche: Holzpantoffeln, die noch 1912/20 getragen wurden. Tornister oder gar Aktentaschen oder Mappen waren unbekannt; ein Heft, die Schiefertafel und die wenigen Bücher trug man unter dem Arm. Im Winter kam zu dieser Ausrüstung um 1850 noch ein Soden Torf hinzu, den jedes Kind mitzubringen hatte. Steinkohlenverbrauch kannte man auch im Bauernhause nicht. Bescheiden war auch die Ausbildung des Lehrers. Der Vater meines Vorgängers, Joachim Diedrich Gerken (Lehrer in Ottensen von 1827 bis 1873) hatte seine Eignung zum Lehrerberuf durch eine Prüfung vor dem Apensener Pastoren erweisen können, obgleich durch eine Konsistorialverfügung die Anstellung eines Lehrers vom Besitz eines Seminarzeugnisses abhängig gemacht worden war (Stader Lehrerseminar 1833 eröffnet). Dieser alte Herr - seine Urenkel leben z.T. auf dem Jakob Dammanschen Hofe - mußte, weil ohne seminaristische Ausbildung, sich mit anderen Kollegen der Fortbildung befleißigen, die durch die Bremen-Verdische Schulordnung vorn 1752 und 1770 gefordert wurde. An jedem Mittwoch hatte er seine älteren Schulkinder geschlossen in die Kirche zu führen, wo er sich mit anderen Lehrern und Kindern des Kirchspiels traf. Nach gesang und Gebet wurde eine halbstündige Katechisation gehalten. Nach Schluß der Kinderlehre hielt der Pastor mit den Lehrern eine 1 1/2 stündige Besprechung. Die Grundlage des Unterrichts in unserer wie in allen Dorfschulen Bremen-Verdens war die Bekanntmachung, das Volksschulwesen betreffend, vom Konsistorium zu Stade 1848 erlassen. In ihr kam auch der uns sonderbar anmutende Satz vor, daß Kinder nach dem 11 Lebensjahr, sofern sie in einem Dienstverhältnis standen, vom Sommerunterricht ganz befreit werden konnten. Das wurde anders, als im Jahre 1893 durch eine Verfügung der königlichen Regierung in Stade, die wöchentlichen Unterrichtsstunden im Sommerhalbjahr für alle Kinder von 18 auf 24 erhöht wurden. Die Regierung in Stade hatte im Jahre 1885 in ihrer Abteilung für Kirchen und Schulwesen die Aufgaben des Königlichen Konsistoriums übernommen. Die Verbindung zwischen Konsistorium und Schule lebte nur noch in der Einrichtung einer kirchlichen Kreis-. und Ortsschulaufsicht; sie wurde aber 1918 aufgehoben, und das neue Amt des Schulrates als eines Fachmannes wurde geschaffen. Einer der ersten Schulräte - Hermann Otto - der unsere Schule besuchte, setzte sich besonders für die Fortbildungsschulen ein. So wurde dann auch in unserer Gemeinde eine eingerichtet; wegen der geringen Schülerzahl mußte sie mit der Nindorfer zusammengelegt werden.
Das zweite Schulhaus
Unsere ländliche Fortbildungsschule im neuen Schulhause - das alte war 1897 für 3440 M and Adam Heckmann verkauft und für 14000 M das neue erbaut worden - hat aber nur wenige Jahre bestanden. Nach einer auch nur kurze Zeit dauernden Einschulung der fortbildungsschulpflichtigen Jugendlichen nach Buxtehude besuchen diese von da an die ländliche Berufsschule in Apensen.
Am 1. Oktober 1912 begann meine Dienstzeit, sie endete am 1. Oktober 1952. Da mein Sohn meine Nachfolge erst mit dem 1.4.53 antreten konnte, habe ich bis zu diesem Datum weiter unterrichtet.
Soweit das Zitat aus der Chronik.

Sei dem ...

Der Sohn von Fritz Ehlers, Erwin Ehlers, hat bis 1978 in Ottensen unterrichtet. Er war gleichzeitig der letzte Lehrer mit Schulleiterfunktion. Danach übernahm sein Tochter, Reingard Sieg, die Schule, nunmehr als Zweigstelle der Grundschule Stieglitzweg in Buxtehude. Sie ging dann als Schulleiterin nach Neukloster. Frau Wiechern übernahm die Ottensener Schule.
Im Jahr 2000 wurde abermals ein neues, größeres Schulhaus mit zwei Klassenräumen gebaut.
Schulneubau 2000
Das zweite Schulhaus wurd im Laufe des Jahres 2001 zu einem Kindergarten mit zwei Gruppen ausgebaut, der Jetzt von der Kirchengemeinde Apensen betrieben wird.
Letze Änderung am 31. März 2007
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